Ein rundum gelungenes Wochenende: zum ersten Mal in der noch jungen Saison war Baden-Baden Ausrichter des Bundesligawochenendes. In bewährter Manier fanden die Begegnungen gegen das nord-ostdeutsche Reisepärchen Berlin und Dresden in den gediegenen Räumlichkeiten des Kulturhauses LA8 statt. Unter den Lüstern des Kristallsaals wurden die beiden Grenke-Teams ihrem Anspruch gerecht: jeweils vier Mannschaftspunkte wurden eingefahren. Der Lohn sind aktuell ein erster und ein dritter Platz in der Tabelle.

(von IM Frank Zeller)

Für Baden-Baden war es Pflicht, für Deizisau nicht ganz selbstverständlich: zwei deutliche Siege gegen die unberechenbaren Schachfreunde aus der Hauptstadt sowie die starken Dresdner sind eine Hausnummer! Ein wenig einschränkend muss man konstatieren, dass beide Gegner nicht mit ihrer besten Besetzung zu ihrem am weitesten entfernten Auswärtsspiel des Jahres anreisten. Gegen Baden-Baden rechnen sich Teams aus der zweiten Tabellenhälfte ohnehin nicht viel aus, so ist es leider immer wieder etwas zu beobachten, dass „Sparkurs“ gefahren wird. Die Jungs aus Berlin, die mit einem vollständig deutschen Kader antraten, erklärten, dass sie ihren eigenen Gewächsen mal eine Chance geben wollten! Ein bisschen profitiert Deizisau davon, im Kielwasser des großen Bruders aus Baden-Baden segeln zu können. Andrerseits zeigt sich auch die Klasse, die da bei Deizisau an den Brettern sitzt!

Wieder mal hütete Peter Leko das Spitzenbrett, was dem Team sogleich viel Glanz verleiht. Wo der Meister ist, ist der Schüler auch nicht fern. Jungtalent Keymer, der mittlerweile seine Elozahl auf über 2500 geschraubt und den Großmeistertitel zuletzt beim Turnier auf Isle of Man denkbar knapp nur um einen halben Punkt verpasst hat, war freilich auch mit von der Partie. Die jungen deutschen Großmeister und Nationalspieler Matthias Blübaum, Georg Meier, Andreas Heimann und Neuzugang Dmitrij Kollars bildeten das Rückgrat des Teams, das die beiden „Altmeister“ Zdenko Kozul und Alexander Graf abrundeten. Kein einziger Deizisauer musste eine Niederlage hinnehmen. Jeweils 3 Spieler gewannen ihre Partien, jeweils fünf endeten mit der Punkteteilung – unterm Strich glatte 5,5 Punkte pro Duell. Topscorer des Wochenendes war Alexander Graf, der als einziger beide Partien gewinnen konnte.
Ihm ist es zu gönnen, musste er doch in der zurückliegenden Spielzeit eine rabenschwarze Serie einstecken. Graf zeigte zwei jungen Spielern, was eine Harke ist. Emil Schmidek wurde von seinen Zentralbauern geradezu überrannt, während Graf mit Schwarz gegen Hans Möhn zunächst lange am Verteidigen war, doch nach dem Damentausch zeigte er überlegene Technik und gewann das Endspiel mit dem entfernten Freibauern souverän.
Alle Augen sind immer auf Vincent Keymer gerichtet. Der eine Woche vor dem Bundesligawochenende 14 Jahre alt gewordene Fast-Großmeister hat eine Selbstverständlichkeit am Brett und mittlerweile auch in Interviews und im Umgang mit den Medien, wie man auf den Videos mit den Jungs von Grenke Chess erkennen kann - egal ob auf Deutsch oder auf Englisch! Dort hat er auch seinen souveränen Sieg über Denes Abel kommentiert, mit dem der Sieg über Berlin sichergestellt wurde. Mit originellem Eröffnungsspiel provozierte er seinen Gegner, die Damen zu tauschen und Bauernschwächen in Kauf zu nehmen. Im Endspiel brachte er die positionellen Vorteile gekonnt nach Hause, auch wenn er sich noch ärgerte, nicht den kürzesten Weg zum Sieg gefunden zu haben!

Vincent gegen den früheren Bundestrainer Uwe Bönsch. Obwohl mit Schwarz lange Zeit um Ausgleich kämpfend im klassischen Damengambit, gelang es ihm in bester Carlsen-Manier, das Endspiel noch ewig zu kneten, nachdem er zwischendurch ein Ungleichgewicht Läufer – Springer geschaffen hatte. Das Spiel endete remis, aber Routinier Bönsch musste stundenlang hart um diesen halben Punkt kämpfen.
Einen weiteren Sieg gegen Berlin steuerte der zweite der verdienten älteren Herren bei, der Kroatische Großmeister Zdenko Kozul. Beim engeren Sonntagsspiel gegen Dresden war Deizisau an den hinteren Brettern nominell deutlich überlegen, nachdem Dresden den krankheitsbedingten Ausfall eines Stammspielers verkraften musste. Vorne hielt sich das nominelle Gewicht die Waage, und so endeten auch alle vier Partien dort remis. Dafür setzte sich das Eloübergewicht hinten durch.